In einem ersten Interview mit Oliver Kramer von der Universität Oldenburg haben für über Grundlagen der künstlichen Intelligenz (KI) gesprochen und die Frage geklärt, was es mit diesem gehypten Thema eigentlich auf sich hat, kurzum: Was KI eigentlich ist.

Jetzt heißt es Butter bei die Fische! Wie wird uns KI in Zukunft im Alltag begleiten? Was sind konkrete Anwendungsfälle und wie wird sich auch unser Beruf durch maschinelles Lernen verändern? Oliver Kramer kennt nicht nur die Antworten auf diese Fragen, sondern stellt uns auch vor schwierige moralische und rechtliche Entscheidungen.

 

Hallo Oliver! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein zweites Interview nimmst. Heute möchten wir mit dir etwas mehr ins Detail gehen und erfahren, wie KI unseren Alltag verändern könnte. Was ist denn deine Einschätzung als Experte auf dem Gebiet: Wie wird sich mein Job (als Content Manager) in den nächsten Jahren durch KI verändern?

Ich denke, dass man sich mehr und mehr Gedanken machen muss, was man mit Daten machen kann bzw. was man aus Daten lernen kann. Überall dort, wo Prozesse die normalen Tätigkeiten begleiten, durch lernende Algorithmen, dort wird man Veränderungen wahrnehmen.

Es kommt immer auf die Tätigkeit an. Mit Sicherheit werden sich einige Arbeitsumgebungen stark verändern. Z.B. wird KI durch Augmented Reality Arbeitsprozesse begleiten. Die KI kann dann erkennen, was als nächstes gemacht wird. Stellen wir uns zum Beispiel vor wir bauen ein Möbelstück von Ikea zusammen und müssen nicht mehr die Anleitung lesen, sondern wir setzen uns so eine coole Brille auf und bekommen gezeigt, wie wir etwas zusammensetzen müssen oder welches Werkzeug als nächstes zum Einsatz kommt. Das heißt: KI ermöglicht es uns dann Aufgaben auszuführen für die wir evtl. sonst gar nicht ausgebildet wären, wie beispielsweise komplexe Bauteile zusammenzusetzen.

 

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Und das ist doch eigentlich ein großer Vorteil?! Man kritisiert oft die KI, dass sie Arbeitsplätze zerstören würde, sie schafft aber auch oft neue Jobs. Und zwar nicht nur bei den KI-Programmierern, sondern auch in dem Feld, das ich gerade beschrieben habe. Ich kann nämlich jetzt eine ungelernte Kraft einsetzen, dieser Person so eine Brille aufsetzen und sie kriegt genau gezeigt, was sie tun soll – sie passt sich also dem Prozess an. Wir schaffen also auch für ungelernte Kräfte eine neue Möglichkeit höhere Positionen, für die sie gar nicht ausgebildet sind, auszuführen.

 

„Man kritisiert oft die KI, dass sie Arbeitsplätze zerstören würde, sie schafft aber auch oft neue Jobs.“ Klick um zu Tweeten

 

KI unterstützt. Und im Prinzip ist das auf alle anderen Berufsfelder übertragbar, auch auf den Professor, den Forscher oder den Data Scientist. Die Fähigkeit Dinge über unseren Verstand hinaus wahrzunehmen und aus den Daten zu lesen, das müssen wir sozusagen als Tool einsetzen – und das können wir jetzt dank KI bzw. durch lernende Systeme. Wir können auf einmal riesige Datenmengen durchforsten, wir haben sensorische Fähigkeiten, die wie vorher noch nicht hatten, wir können jetzt in anderen Dimensionen denken. All das müssen wir sinnvoll als Tool einsetzen und in den Arbeitsalltag integrieren.

Was das jetzt für den einzelnen Arbeitsprozess heißen kann ist bestimmt ganz unterschiedlich. Eine KI könnte den Text verbessern, den ich geschrieben habe, da eine KI aus Millionen von Texten lernen kann, wie gute Texte geschrieben werden. So eine Funktion kann also meinen Text, auch journalistische Texte verbessern…

 

…Vielleicht kann eine KI auch selber schreiben?

Selber schreiben, ja genau! Dann gebe ich einfach nur ein paar Stichworte in das Tool und es genügt! Oder wenn man ein Interview führt, so wie wir beide jetzt gerade, da kann durch KI ein automatisches Transkribieren stattfinden. Aus dem Gesprochenen könnten z.B. auch Termine erkannt werden, die dann direkt in den Kalender eingetragen werden. Wichtige Stichpunkte erscheinen bei mir direkt auf dem Bildschirm, ich muss mir die Notizen gar nicht mehr selber machen, das wird alles schon vorbereitet. Vielleicht werden zur Nachbereitung auch automatisch passende Dokumente gesucht. Man kann sich so viele Sachen vorstellen, die möglich sind. Es ist jetzt eher die Schwierigkeit auszuwählen, was am dringendsten ist, jetzt im Moment.

„Man kann sich so viele Sachen vorstellen, die durch KI möglich sind. Die Schwierigkeit ist eher auszuwählen, was am dringendsten ist.“

 

Das heißt, man weiß im Moment noch gar nicht, was als nächstes möglich sein wird?

Man kann sich so viel vorstellen, ja. Das auszuwählen und die gescheiteste Idee zu haben bzw. das zu einem Produkt zu machen, das ist eigentlich das Interessante.

 

Wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, dann siehst du es also nicht so dramatisch, dass wir durch KI bald alle arbeitslos werden?

Auf keinen Fall! Wir sollten eher lernen die KI als Tool einzusetzen, die unsere Arbeit sinnvoll ergänzt. Ich denke, unsere Arbeit zu ersetzen macht gar keinen Sinn, da eine KI das menschliche gar nicht ersetzen kann. Die KI wird nicht ersetzen Mensch zu sein bzw. die menschlichen Entscheidungen in einen Prozess zu bringen.

 

Aktuell nutzen wir schon Sprachassistenten, wie Siri oder Alexa – mehr oder weniger erfolgreich. Denkst du dieser Bereich wird sich noch stärker weiterentwickeln? Haben wir bald alle einen persönlichen, smarten Assistenten?

Ja, das ist einer der nächsten großen Big Deals. Dabei geht es um die sogenannte „Horizontal AI“. Diese Art der KI versucht möglichst breit gefächert zu sein im Aufgabenspektrum: Uns zu begleiten bei alltäglichen Aufgaben, unsere Sprache zu erkennen und uns bei Entscheidungen zu unterstützen. Die KI könnte mich jetzt beispielsweise daran erinnern, dass ich jetzt besser keinen weiteren Kaffee trinken sollte, da mein Koffein-Konsum ohnehin schon zu hoch hist. Diese Art von KI kann, wenn ich es möchte, mein Leben beeinflussen und mir helfen intelligentere Entscheidungen zu treffen. Also das ist auf jeden Fall ein Feld in dem noch viel passieren wird und in dem man viel Geld verdienen kann.

Allerdings sind die großen Player dort schon längst an Bord. Es werden also zunächst Google, Apple & Co. sein, die uns solche Produkte verkaufen, da wir deren Software eh permanent mit uns führen.

 

Abgesehen von Google und Konsorten, kannst du ein paar Beispiele von Unternehmen nennen, die KI schon erfolgreich einsetzen?

Wir, an der Uni, nutzen KI zum Beispiel, um Erneuerbare Energien datenbasiert vorherzusagen. Da geht es z.B. um die Frage, wie viel Wind demnächst in einem Windpark weht. Das kann man zwar auch mit Wettermodellen machen, aber eben auch datenbasiert. Wir machen das in der Forschung, aber es gibt auch Firmen, die das verkaufen. Das Ganze hat den Sinn, um mal beim Energiebereich zu bleiben, dass wir durch die Hervorsage weniger Energien verschwenden. Immerhin muss man eine Balance in einem sehr dynamischen Umfeld von Erzeugern und Verbrauchern herstellen. Früher hatte man nur ein Kraftwerk, dass alle mit Energie versorgt hat. Heute haben wir überall dezentrale Versorger, aber auch dezentrale Energieabnehmer. Und um in diesem Spannungsfeld eine Balance herzustellen, kann man KI einsetzen.

Diese KI kann hervorsagen, wann ein Windfeld über Deutschland zieht, wann es sehr wolkig oder sehr sonnig wird – Stichwort Solarenergie. Aber eben auch, wann ich am besten meine Waschmaschine anstellen sollte bzw. wann der Strom am günstigsten ist.

 

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Des Weiteren ist natürlich das autonome Fahren ein riesen Feld, von Assistenzsystemen bis hin zum vollautonomen Fahren. In diesem Bereich gibt es eine Menge Startups.

 

Das Thema autonomes Fahren ist tatsächlich nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt, oder?

Nein, das ist gar nicht mehr weit weg. Die ersten Autos von Google haben mich schon in Palo Alto überholt. Und alle anderen großen Automobilhersteller haben eigentlich auch schon ihre Konzepte in der Tasche.

 

Damit ist autonomes Fahren dann eines der ersten KI-Themen, die uns erreichen werden?

Ja, definitiv. Das Thema hat aber auch eine rechtliche Dimension. Denn wer trägt denn jetzt die Verantwortung dafür, wenn ein Unfall passiert ist bei dem es unter Umständen sogar zu einem Personenschaden gekommen ist? Liegt die Verantwortung bei den Programmierern der KI, bei den Datenlieferanten mit der die KI trainiert wurde, beim Hersteller oder beim Fahrer? Um diese Probleme machen sich KI-Wissenschaftler eine Menge Gedanken, u.a. um die moralischen Aspekte.

Die MIT Moral Machine beispielsweise – kann man übrigens im Internet selbst testen – bietet die Möglichkeit zu entscheiden, wen man im Falle einer kritischen Entscheidung eher – ich mag es fast nicht sagen – opfern würde. Also wen würde man in einer Gefahrensituation eher gefährden? Und das bringt es auf den Punkt: So eine Moralentscheidung kann man der KI nicht alleine überlassen. In diesem Bereich braucht man einen gesellschaftlichen Diskurs, auch einen rechtlichen Diskus, wie hinterher die „richtige“ Entscheidung zu treffen ist. Das wird definitiv ein wichtiges Thema sein in naher Zukunft.

 

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Man muss aber auch an die Vorteile denken, die wir am Ende haben werden. Man wird energieeffizienter sein durch autonomes Fahren. Man kann sich Autos teilen, die von A nach B fahren und erst die eine Person zum Ziel bringen und dann die andere. Man kann aber auch Dinge vom Auto erledigen lassen, die jetzt noch gar nicht möglich sind: „Bring mal das Kind zum Klavierunterricht, ich hab’ noch einen wichtigen Kundentermin“ oder „Hol mal die Oma aus München ab!“. Solche Sachen kann ein Auto jetzt alleine machen und das ermöglicht uns natürlich ein ganz anderes Mobilitätsbewusstsein.

Photo by Andy Kelly on Unsplash

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